Jesse Sylvia wurde über Nacht eine Berühmtheit, als er in der Hauptveranstaltung der World Series of Poker 2012 zweiter nach Greg Merson wurde. Das hat ihm einen Sponsoringvertrag, die Aufmerksamkeit der sozialen Medien und eine Episode in MTVs „True Life“ eingebracht. Er hat ein markantes Aussehen: Sonnenbrille auf der Stirn, rechte Hand auf der linken Schulter, schwarzes Hemd und einen eiskalter Blick, auf den Stannis Baratheon stolz wäre. Aber man kann leicht vergessen, dass er noch vor kurzem ein unbekannter Dauerspieler im Cash-Game war, der hart für seinen Stundenlohn arbeitete.

Ich habe mich mit Jesse Sylvia vor kurzem in seinem Haus in Las Vegas getroffen, um zu sehen, was es Neues bei den Pokerprofis in Las Vegas gibt. Wir sprachen darüber, wie es sich anfühlt, zum Pokerspielen durch die Welt zu reisen, über seine vor kurzem getroffene Entscheidung, seine Reisepläne zu konzentrieren und eine Balance zwischen Privatleben und Poker zu finden.

Über seine Entscheidung 2013, die Welt zum Pokerspielen zu bereisen.

„Nachdem ich das Endspiel im 2012 Main Event erfolgreich beendet hatte, stand ich da mit meinem ganzen neuen Wissen. Mit diesem Wissen und einem neuen Denkprozess stand ich sowas wie unter Volldampf. Da habe ich dann beschlossen, mich mehr auf Turniere zu konzentrieren. Zudem hatte ich dieses Sponsoring und das war ein riesiger Anreiz zum Reisen und Pokerspielen auf der ganzen Welt. Es kam also alles zusammen – dieses neue Wissen, die Möglichkeit zum Reisen und das Sponsoring. Und obendrein war da auch noch mein Ego ein bisschen beteiligt. Man hat ja nun dieses eine Mal so hoch gepunktet und irgendwie möchte man da noch ein bisschen was dazu fügen.“

„Ich glaube, dass diese Reisen mir vor allem gezeigt haben, dass Reisen nur zum Pokerspielen nicht genug ist, zumindest nicht für mich. Ich mag den Gedanken nicht, dass ich weit weg zu einem dieser herrlichen Plätze fahre und das nur, um dort Poker zu spielen. Erst vor kurzem haben Ashley [Sleeth, Jesses Freundin] und ich darüber gesprochen, dass wir unsere Reisen anders gestalten möchten: Natürlich werden es immer noch Pokerreisen sein, aber wir werden früher anreisen und sie ein bisschen verlängern. Und außerdem werden wir noch nur Stopps einplanen, wo es warm und schön ist. Denn, wenn wir schon so viel Zeit und Geld für eine Reise aufwenden, soll es auch eine tolle Zeit sein. Ich möchte länger an diesen Plätzen bleiben und sie auch ein bisschen besser kennenlernen.“

Über seine heutigen Ansichten zu Pokerreisen

„Ich möchte nie an einem Punkt in meinem Leben angelangen, in dem mir Reisen nicht mehr gefällt. Für mich gehört Reisen zu den tollsten Dingen, die wir machen können. Wir haben viel Glück, dass wir in unserer heutigen Zeit leben und nicht wie vor 100 oder 200 Jahren, wo man schon ein Held war, wenn man einmal im Leben nach Südamerika gereist ist. Wir haben Glück, dass wir diese Möglichkeiten haben und ich möchte nie so werden, wie: „Ach ich muss schon wieder wohin verreisen.“ Das wäre fürchterlich.

„Auf der anderen Seite kann ich mir aus finanziellen Gründen nicht leisten, so viel wie 2013 zu verreisen, wenn es genauso tolle Spiele in der Stadt von Las Vegas gibt. Die Anreize sind da, näher an Zuhause zu bleiben und lieber an diesen Spielen teilzunehmen, als irgendwo weit weg. Nach Los Angeles kann ich mit dem Auto fahren, an den Strand gehen, fünf Stunden lang in einem großartigen PLO Spiel spielen und auch noch ein paar Freunde besuchen. Hier kann ich das mit niedrigeren Reisekosten machen als wenn ich so weit weg fahre. Außerdem vermisse ich meine Freunde, meine Hunde und Ashley.

Ich mag Vegas jetzt und bleibe hier, außer wenn ich an einer bestimmten Veranstaltung oder Serie teilnehmen möchte. Es gefällt mir hier. Und wenn ich jetzt eine Reise unternehme, ist das wie die Sahne auf dem Kuchen. Das ist dann wirklich eine tolle Zeit, aber Zuhause ist es auch sehr schön. Ich bin mit meinem Leben rundum glücklich.“

Über das Gefühl, seltener im Rampenlicht zu stehen und weniger zu reisen.

„Ich habe diesen Sommer vielleicht bei so 12 oder 14 Veranstaltungen gespielt. Ich möchte aber wohl so 25 oder 30 spielen. Ich habe gerade auf der Rangliste für den Spieler des Jahres gesehen, dass ich auf Platz 25. stehe und Sylvia auf Platz 31 ist, was ich aber etwas merkwürdig finde, wenn man bedenkt, dass ich an keinem Endspiel teilnehme. Das macht mir zwar nichts aus, aber wenn jemand sowas wie fünf 12er bekommt, denke ich dass dies ein berechtigtes Argument ist, dass er Spieler des Jahres wird. Gut, vielleicht sollte er nicht gewinnen, er aber er sollte dafür unter die Top 5 kommen.

Ich finde es cool, dass ich dabei bin und hab das nicht einmal wirklich bemerkt. Ich hatte einen 18. in einem 5K, einen 37. in einem 5K, einen 30. in einem PLH-Feld mit 1.200 Spielern und einen kleinen Min-Cash in einem 1K. Ich bringe also viel Volumen ein und gebe mir selbst eine relativ gerechtfertigte Chance zum Spieler des Jahres. Ich würde gern viele Grinds machen, um in eine Position zu kommen, in der ich vielleicht einen Bink auf einen 5K habe. Oder, wenn ich in imj Haupt-Event einen wirklich guten Run habe, könnte ich das gewinnen.

Ich würde auch gern ein bisschen näher an Greggie Merson gelangen, indem ich gleichzeitig den Spieler des Jahres und die Hauptveranstaltung gewinne. Das wär doch mal was Schönes.“

Über seine Teilnahme am WSOP 2015 und einen möglichen Run zum POY

“Ich glaube, dass es bei Poker, genau wie im Leben, viel um die innere Balance geht. Wie in jedem Teil unseres Lebens, bei jedem Job oder Hobby, oder bei allem, was man im Leben erreichen möchte. Man muss da viel Arbeit, Lernen und Üben hineinstecken. Bei allem, in das man sich hineinsteigert, wie Poker, ist es wichtig, eine gute Balance zu haben. Ich glaube, dass ich auf dem Weg dazu bin. Und ich glaube auch, dass man ohne Balance nicht wirklich erfolgreich sein kann.

Viele meiner Freunde, die gutes Geld mit Poker gemacht haben, sind von Poker besessen. Sie atmen sogar Poker. Aber es gibt auch andere Dinge in ihrem Leben, die sie lieben. Und normalerweise gewinnen sie, wenn Gewinnen ein Bonus ist, aber nicht, wenn Gewinnen das Ziel ist. Und das geht glaube ich Hand in Hand im Leben, zumindest für mich und wie ich annehme für viele andere Leute auch. Nur eine normale Person zu sein, mit einem Lebensstil, bei dem nicht gleich die Welt untergeht, wenn man einen schlechten Run hat, ist so wichtig und so gesund für jeden Pokerspieler.

Der beste Rat, den ich erfahren habe, sagt: Gestalte erst Dein ganzes Leben und dann kannst Du Dich in Poker hineinsteigern. Und das ist der Schlüssel zum Erfolg.“

Einige Tage nach diesem Interview, erreichte Jesse Sylvia den dritten Platz in Event 38, mit 3.000 USD NLHE. Allein in Cash-Spielen gewann er 211.731 USD und nach diesem Turnier saß er auf Platz 12 in der WSOP Player of the Year Rangfolge. 2015 hat er bisher sechs WSOP Cash-Spiele gewonnen und ist zum Zeitpunkt des Schreibens auf dem 19. Gesamtplatz für den POY 2015. Sie können alle Top-Nachrichten über Jesse Sylvias WSOP Run und alles andere über Jesse erfahren, indem Sie seinem Twitter Konto, @MrJesseJames888 folgen.

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